
Syrer in Deutschland: Zwischen der Verhaftung von Amjad Yusuf und dem Prozess gegen Atef Najib – Ein früher Test für die syrische Übergangsjustiz
Von Khaled Al-Mohammad
Zwischen Erinnerung und Gerichtsbarkeit: Neue Fragen kehren zurück
Von Daraa, wo 2011 die ersten Proteste in Syrien ihren Ausgang nahmen, über das Viertel Al-Tadamon, das später zu einem der stärksten Symbole der Gewalt im kollektiven syrischen Gedächtnis wurde, bis hin zum Flüchtlingslager Al-Yarmouk, das Belagerung und Vertreibung erlebte – heute kehren Syrerinnen und Syrer in Deutschland zu einer Frage zurück, die auf den ersten Blick einfach erscheint, deren Bedeutung jedoch weit reicht:
Hat die Übergangsjustiz tatsächlich begonnen, oder bleibt sie weiterhin ein aufgeschobenes Versprechen?
In der Gesamtschule Wanne-Eickel in der deutschen Stadt Herne, Nordrhein-Westfalen, kamen syrische und palästinensische Lehrkräfte zu einer Dialogveranstaltung zusammen, die zeitlich mit bedeutenden juristischen Entwicklungen in Verbindung stand. Dazu gehörten insbesondere die Verhaftung von Amjad Yusuf und der Beginn des Prozesses gegen Atef Najib, eine der Personen, die mit den frühen Ereignissen in Daraa in Verbindung gebracht werden.
Mit diesen Entwicklungen wurde der Veranstaltungsraum zu einem Ort, an dem die Bedeutung von Gerechtigkeit selbst hinterfragt wurde: Ist sie lediglich ein verspäteter juristischer Prozess – oder bedeutet sie auch eine neue gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Erinnerung an das Geschehene?
Ninar Press sprach mit mehreren syrischen und palästinensischen Lehrkräften sowie Organisatoren in Deutschland, um zu untersuchen, wie sich die syrische Erinnerung von einer persönlichen Erfahrung zu einer offenen menschenrechtlichen Debatte über die Zukunft entwickelt.
Die Frage war nicht theoretisch: Was bedeutet es, wenn die Justiz nach mehr als einem Jahrzehnt aktiv wird? Und was bleibt von einer Erinnerung, wenn sie in Gerichtssäle einzieht?
Die Schule: Wenn Erinnerung zu Wissen wird
Die Diskussion begann nicht mit Politik, sondern mit einer grundlegenden Frage:
Wie kann man Menschen, die die Ereignisse nicht selbst erlebt haben, erklären, was in Syrien geschehen ist?
Der Lehrer Yusuf Al-Owaidat aus Daraa sagt:
„Viele deutsche Lehrkräfte verfügen nicht über ausreichende Informationen über die syrische Frage. Diese Veranstaltung war ein Versuch, zu erklären, was geschehen ist.“
Was zunächst als Informationsveranstaltung begann, entwickelte sich schnell zu intensiven persönlichen Berichten:
„Es gab ein deutliches Interesse. Es wurden viele Fragen gestellt, und wir haben versucht, so gut wie möglich zu antworten, um die Realität näherzubringen.“
Der Lehrer Yamen Al-Abdallah aus dem Viertel Al-Tadamon lehnt eine Trennung zwischen Wissen und persönlicher Erfahrung ab:
„Wir sind nicht gekommen, um eine entfernte Geschichte zu erzählen, sondern um eine Erfahrung weiterzugeben, die wir selbst erlebt haben – mit all ihrem Schmerz und ihrer Komplexität.“
In diesem Raum war die Schule nicht mehr nur ein Ort der Erklärung. Sie wurde zu einem Raum, in dem Wissen und Erinnerung aufeinandertreffen und der Unterricht selbst zu einem lebendigen Zeugnis wird.
Von Daraa bis Al-Tadamon: Eine Erinnerung an vielen Orten
In den Berichten erscheinen die syrischen Städte nicht als voneinander getrennte Orte, sondern als Teile einer gemeinsamen langen Erfahrung der Gewalt.
Die Lehrerin Hiba Zagmout aus dem Flüchtlingslager Al-Yarmouk sagt:
„Gerechtigkeit bedeutet für mich nicht nur ein Gesetz, sondern die Anerkennung des Leids der Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben.“
Sie ergänzt:
„Es reicht nicht, dass Gerechtigkeit nur juristisch ist. Sie muss das tatsächliche Ausmaß des Schmerzes widerspiegeln.“
Die Lehrerin Dareen Al-Abdallah aus Al-Tadamon führt die Erinnerung auf eine besonders persönliche Ebene:
„Wenn du aus Al-Tadamon kommst, kennst du fast jeden Menschen dort. Das ist eine schmerzhafte Erinnerung, die niemals verschwindet.“
Sie fügt hinzu:
„Ich frage mich immer wieder: Wer war in diesen Gruben? Wurde jemand lebendig begraben? Diese Frage verlässt mich nicht.“
Ihre abschließenden Worte fassen eine gemeinsame Erfahrung vieler Syrerinnen und Syrer zusammen:
„Alle Syrerinnen und Syrer haben aus demselben Becher getrunken – auch wenn die Städte unterschiedlich waren.“
Übergangsjustiz: Zwischen Symbolik und institutionellem Aufbau
Diese persönlichen Zeugnisse entstehen in einem Moment, in dem Politik und Justiz aufeinandertreffen und der Begriff der Übergangsjustiz wieder in den Mittelpunkt rückt – diesmal nicht als theoretisches Konzept, sondern als praktische Herausforderung.
Fadel Abdul Ghani, Geschäftsführer des Syrian Network for Human Rights, sieht in den aktuellen Entwicklungen trotz ihrer symbolischen Bedeutung auch die Grenzen des bestehenden rechtlichen Rahmens.
Einige Verfahren würden weiterhin auf Grundlage des syrischen Strafgesetzbuches von 1949 geführt. Dieses Gesetz enthalte keine ausdrückliche Definition von Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern behandle Handlungen eher als einzelne, voneinander getrennte Straftaten.
Dadurch würden Menschenrechtsverletzungen von ihrem strukturellen Kontext getrennt und als isolierte Ereignisse betrachtet – nicht als Teil eines umfassenden Systems der Gewalt.
Abdul Ghani weist darauf hin, dass das Fehlen eines umfassenden Gesetzes zur Übergangsjustiz – trotz der Einrichtung einer nationalen Behörde durch Dekret Nr. 20 aus dem Jahr 2025 – den Prozess unvollständig mache, auch wenn erste begrenzte juristische Schritte begonnen hätten.
Zugleich warnt er davor, dass eine zu schnelle Durchführung von Gerichtsverfahren dazu führen könnte, wichtige Informationen über Fälle des gewaltsamen Verschwindenlassens sowie über Befehlsketten zu verlieren.
Die Aufklärung der Wahrheit, so betont er, sei der Kern der Übergangsjustiz – nicht allein die Bestrafung einzelner Täter.
Gemeinsame Erinnerung und Identität im Exil
Im Veranstaltungsraum bleibt Gerechtigkeit untrennbar mit der Frage der Identität verbunden.
Yamen Al-Abdallah sagt:
„Wir kommen aus unterschiedlichen Städten, aber die Erfahrung ist dieselbe – und auch der Schmerz ist derselbe.“
Er ergänzt:
„Auch Palästinenser waren Teil dieser Erfahrung, und die Menschenrechtsverletzungen haben alle betroffen.“
Diese Verbindung zeigt sich nicht nur als Ausdruck von Solidarität, sondern als Verflechtung gemeinsamer Leidensgeschichten. Daraus entsteht im Exil ein gemeinsames Bewusstsein für Gerechtigkeit, das nationale Grenzen überschreitet.
In einem Moment vorsichtiger Hoffnung sagt er:
„Wenn wir sehen, dass Beschuldigte vor Gericht stehen, spüren wir, dass Gerechtigkeit sich verzögern kann – aber sie verschwindet nicht.“
Von der Zeugenaussage zur Bildung: Erinnerung weitergeben
Im Exil endet Erinnerung nicht mit dem Zeugnis. Sie beginnt damit eine weitere Aufgabe:
Wie kann sie an kommende Generationen weitergegeben werden?
Dareen Al-Abdallah sagt:
„Diese Erinnerung weiterzugeben ist eine Verantwortung. Sie muss dokumentiert und von Generation zu Generation vermittelt werden.“
Sie ergänzt:
„Es gibt Kinder, die diese Ereignisse nicht erlebt haben, aber täglich mit ihren Folgen leben.“
Das Ziel sei jedoch nicht, den Schmerz weiterzugeben, sondern ihn in Wissen umzuwandeln, das verstanden werden kann:
„Diese Erinnerung muss als Verantwortung weitergegeben werden – nicht nur als Trauer.“
Eine Justiz, die einer weltweit verstreuten Erinnerung folgt
Zwischen Daraa, wo die Geschichte begann, Al-Tadamon, das ihre Tiefe sichtbar machte, und Al-Yarmouk, das Vertreibung und Leid symbolisiert, steht die syrische Erinnerung im Exil heute vor einer Herausforderung, die über die Vergangenheit hinaus in die Zukunft reicht.
Die Frage lautet nicht mehr nur:
Wird Gerechtigkeit erreicht?
Sondern sie ist komplexer geworden:
Kann Gerechtigkeit einer Erinnerung folgen, die sich nicht mehr an einem einzigen Ort befindet, sondern über Länder, Kontinente und miteinander verbundene persönliche Erfahrungen verteilt ist?
Und kann eine Erinnerung dieses Ausmaßes – geprägt von Verlust, Schmerz und Spaltung – eines Tages von einem Zeugnis des Leids zu einer möglichen Grundlage für eine Gerechtigkeit werden, die sich noch immer im Aufbau befindet?