
Syrer in Deutschland: Unsere Kinder im Ramadan zwischen Identität und Schule.
Von: Khaled Al-Mohammad
In Deutschland, wo sich das Schulsystem kulturell und organisatorisch von der Umgebung in Syrien unterscheidet, erleben syrische Kinder den Ramadan als tägliche Prüfung ihres Willens und ihrer Geduld.
Das Fasten wird zu einer fortlaufenden Erfahrung, bei der sie das Gleichgewicht zwischen religiöser Verpflichtung und schulischen Anforderungen finden müssen, während sie gleichzeitig ihre kulturelle Identität in einer neuen Umgebung bewahren.
Die Zeitung Ninar Press hat Aussagen von Eltern und Lehrern gesammelt, um diese Erfahrung zu dokumentieren. Dabei wird deutlich, wie der Ramadan zu einer Brücke zwischen Zuhause und Schule wird – zwischen Tradition und Integration in die deutsche Gesellschaft sowie zwischen Geduld und persönlicher Disziplin.
Der Wille des Kindes – Fasten als persönliche Entscheidung:
Der eigenständige Wille bildet einen zentralen Bestandteil der Ramadan-Erfahrung in der Diaspora.
Frau Aisha, die Mutter von Lamar, erzählt von einer Situation mit ihrer Tochter in der dritten Klasse:
„Das ist meine Entscheidung – ich möchte fasten.“
„Ich musste sie gar nicht erst dazu überreden.“
Hier wird das Fasten zu einer bewussten Entscheidung. Die Initiative verlagert sich vom familiären Rahmen in das eigene Bewusstsein des Kindes und wird zu einer frühen Übung von Selbstständigkeit in einer neuen Umgebung.
Frau Ola Al-Sleiman erklärt die Bedeutung eines schrittweisen Heranführens:
„Wir haben mit dem Fasten langsam begonnen… Ab dem Alter von fünf Jahren fasten wir zunächst zwei Stunden vor dem Iftar… In der zweiten Klasse fasten sie dann auf Wasser und Essen.“
Auch Frau Hanadi Barakat bestätigt:
„Die Kinder beginnen damit, nur einen Teil des Tages zu fasten, und steigern es nach und nach, bis sie den ganzen Tag fasten und gemeinsam mit der Familie das Fasten brechen… Sie fühlen Freude und Stolz und entwickeln ein Gefühl der Zugehörigkeit zu religiösen Ritualen und Werten.“
Frau Alaa Yaqoub Agha sagt ebenfalls:
„Meine Kinder haben aus eigenem Wunsch gefastet, ich habe sie nicht dazu gezwungen.“
So wird das Fasten zu einem Raum, in dem sich religiöse Praxis mit Persönlichkeitsentwicklung und Selbstdisziplin verbindet.
Die körperliche Herausforderung – Energie und Konzentration
Mit den langen Tagen und den schulischen Aufgaben wird das Fasten zu einer körperlichen und geistigen Herausforderung.
Hanadi Barakat sagt:
„Die schwierigsten Situationen waren während des Sportunterrichts im Sommer… Trotzdem bestehen die Kinder darauf zu fasten – aus Respekt vor den Ramadan-Traditionen.“
Der Lehrer Fawaz Henkouri ergänzt:
„Das Bild ist nicht ausschließlich ideal. Es ist eine Mischung aus positivem emotionalem Gefühl und einer realen körperlichen Herausforderung… Lehrkräfte können manchmal eine geringere Konzentration während des Unterrichts bemerken.“
Aisha erzählt über ihre Tochter:
„Sie fastet im Ramadan mit Freude… Wenn sie müde wird, ist das normal – es geht vorbei.“
Lehrerin Alaa betont:
„Am Ende bleibt die Gesundheit der Kinder die oberste Priorität.“
Der Körper des Kindes wird hier zu einem Raum des Gleichgewichts zwischen spiritueller Verpflichtung und schulischer Leistung. Das Fasten wird zu einer praktischen Übung im Umgang mit Energie und Belastung.
Die Schule – zwischen Verständnis und Reibung
Innerhalb der Schule sind die Erfahrungen unterschiedlich: zwischen individuellem Verständnis und gelegentlichen Spannungen.
Hanadi Barakat berichtet:
„In einem Jahr zeigten zwei Lehrerinnen wenig Verständnis… Sie verlangten, dass die Eltern informiert werden, dass Fasten verboten sei, und verteilten sogar ein Schreiben, in dem stand, ein Imam der Moschee erlaube Kindern das Fasten nicht… Die Eltern blieben jedoch bei ihrer Haltung.“
„Später einigten wir uns darauf, dass die Eltern Essen mitgeben… Einige Kinder stellten ihre Brotdose vor sich hin und taten so, als hätten sie gegessen.“
In solchen Momenten befindet sich das Kind nicht nur zwischen Hunger und Essen, sondern auch zwischen seiner Identität und dem Wunsch, peinliche Situationen im Klassenzimmer zu vermeiden. Ein kleines Bild, das zeigt, wie empfindlich das Gleichgewicht ist, das das Kind täglich aufrechterhalten muss.
Eine andere Lehrerin wählte dagegen einen sensibleren Ansatz und nahm die fastenden Kinder während der Frühstückspause kurz aus der Situation heraus, um Versuchungen zu vermeiden.
Fawaz Henkouri ergänzt:
„Wichtig sind ein früher Dialog zwischen Familie und Schule, die Einschätzung der Fähigkeiten des Kindes und dass niemand zum Fasten gezwungen wird – mit Flexibilität, ohne die Schulordnung zu verletzen.“
Aisha sagt: „Die Klassenkameradinnen meiner Tochter haben großes Verständnis für das Fasten… Wer nicht möchte, fastet einfach nicht.“
„In Deutschland wird der Islam im Vergleich zu manchen anderen europäischen Ländern sogar eher positiv behandelt.“
So wird die Schule zu einem Partner im Umgang mit kulturellen Unterschieden – und zu einem Raum für gegenseitiges Vertrauen.
Kulturelle Identität – Zugehörigkeit mit Selbstvertrauen
Das syrische Kind wird zu einem kleinen Botschafter seiner Identität und verbindet religiöse Verpflichtung mit sozialer Offenheit.
Ola Al-Sleiman erzählt:
„Meine Tochter hat mich überrascht, als sie ihrer Lehrerin erklärte, dass Fasten das Gedächtnis verbessert, das Immunsystem stärkt und die Konzentration fördern kann.“
„Sie beschloss sogar, ihren Mitschülern davon zu erzählen und ihnen vorzuschlagen, die Erfahrung einmal selbst auszuprobieren.“
Auch in sensiblen Situationen, etwa bei einem Kindergeburtstag, reagierte sie selbstbewusst:
„Die Lehrerin sagte ihr, sie könne ruhig essen – aber sie entschied sich, bis zum Iftar zu warten.“
Fawaz Henkouri sagt: „Einige Schüler schaffen dieses Gleichgewicht sehr gut, andere haben Schwierigkeiten… Die religiöse Identität kann den Integrationsprozess ergänzen.“
Aisha fügt hinzu:
„Unsere Kinder verbringen viele Stunden in der Schule… Manchmal haben Eltern Angst, dass die Identität verloren geht, obwohl äußerlich alles gut aussieht.“
Diese Sorge entsteht nicht aus einem einzelnen Ereignis, sondern aus vielen kleinen, stillen Erfahrungen im Alltag, bei denen Eltern spüren, dass ihre Kultur sich zunehmend auf den Raum des Hauses beschränkt.
Alaa Yaqoub Agha sagt:
„In Syrien konnte man den Ramadan auf der Straße sehen… Hier bleibt der Ramadan meist innerhalb der eigenen vier Wände.“
Das Fasten wird damit zu einer ganzheitlichen Bildungs- und Persönlichkeitspraxis – zwischen Bewahrung der Tradition und Offenheit gegenüber der neuen Gesellschaft.
Praktische Schritte – Unterstützung für fastende Kinder
Die täglichen Erfahrungen liefern auch praktische Lösungen, um Kindern das Fasten zu erleichtern.
Hanadi empfiehlt:
„Ruhezeiten während des Schultages einplanen… Lehrkräfte und Mitschüler positiv über das Fasten informieren… und Ramadan-Aktivitäten ähnlich wie andere kulturelle Feste in den Schulalltag integrieren.“
Alaa betont:
„Wenn man auf fastende Kinder Rücksicht nimmt und sie nicht überfordert, kann man Disziplin und Werte vermitteln – ohne Konflikte. Motivation statt Zwang.“
Ola ergänzt:
„Am wichtigsten ist es, die Kinder während der Iftar-Zeit gut mit Flüssigkeit und Essen zu versorgen und ihnen mehr über den Ramadan zu erklären, damit sie ihren Freunden selbstbewusst davon erzählen können.“
Praktische Lösungen beruhen also auf frühzeitigem Verständnis und schrittweiser Unterstützung.
Ramadan – eine Schule des Gleichgewichts und der Zugehörigkeit
Für syrische Kinder in Deutschland ist der Ramadan eine tägliche Lern- und Lebenserfahrung.
Sie lernen, ein Gleichgewicht zwischen religiöser Verpflichtung und schulischen Anforderungen zu finden und entwickeln dabei Geduld, Anpassungsfähigkeit und kulturelle Zugehörigkeit.
Jeder Moment des Fastens wird zu einer Gelegenheit, eine ausgewogene Persönlichkeit zu formen – zwischen Zuhause und Schule, zwischen Tradition und Offenheit sowie zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Und es bleibt eine offene Frage:
Wie können europäische Schulen die Erfahrung des Fastens von einer stillen Herausforderung zu einem pädagogischen Raum machen, der die freie Entscheidung des Kindes und seine kulturelle Identität stärkt – ohne seine schulische Leistung zu beeinträchtigen?
Ramadan in der Diaspora bleibt eine fortlaufende Reise, die jeden Tag eine neue Chance bietet, Identität zu festigen und eine selbstbewusste Persönlichkeit zu entwickeln, die sich in ihrer Gesellschaft zuhause fühlt.