
Syrer in Deutschland: Zwischen Integrationschancen und Herausforderungen auf dem Weg – Was hat die deutsche Erfahrung erreicht? (4-5)
Von Khaled Al-Mohammad
Nach Jahren der Ankunft lautet die zentrale Frage für viele Syrerinnen und Syrer in Deutschland nicht mehr nur, wie die Phase des Asyls überwunden werden kann. Vielmehr geht es um eine Frage, die unmittelbar mit dem Alltag verbunden ist:
Ist die Integration gelungen? Und ist es den deutschen Institutionen gelungen, die Anwesenheit von Geflüchteten von einer vorübergehenden Aufnahme in einen echten Weg zu Stabilität und gesellschaftlicher Teilhabe zu verwandeln?
Ausgehend von seiner langjährigen Erfahrung in der Begleitung von Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten sowie seiner Arbeit mit Auszubildenden im dualen Ausbildungssystem und den Themen Bildung und Arbeit betrachtet Bashir Ali, Bildungsberater und Beobachter von Migrations- und Integrationsprozessen, die deutsche Integrationserfahrung als eine Entwicklung mit deutlichen Erfolgen, die gleichzeitig weiterhin bestehende Lücken sichtbar macht.
Ali betont, dass Deutschland in den vergangenen Jahren erhebliche finanzielle und institutionelle Ressourcen in den Bereich Integration investiert habe. Es sei gelungen, ein breites Netzwerk an Angeboten aufzubauen, das Geflüchteten den Beginn eines neuen Lebens ermöglichen soll.
Von Deutschkursen über Beratungsstellen und Berufsvorbereitungsprogramme bis hin zu Unterstützung bei der Arbeitssuche, der Anerkennung von Abschlüssen, der Übersetzung von Dokumenten sowie der Bewertung schulischer und beruflicher Qualifikationen entstand ein umfangreiches System, das Tausenden Geflüchteten geholfen hat, den Übergang von der Phase des Asyls zu einem stabileren Leben zu bewältigen.
Nach Ali liegt eine der größten Stärken der deutschen Erfahrung in dieser institutionellen Struktur, die Geflüchteten mehrere Wege zur Integration eröffnet. Die Sprache schafft die Grundlage für Kommunikation, Bildung eröffnet Entwicklungsmöglichkeiten, die Berufsausbildung verbindet Menschen mit dem Arbeitsmarkt, und Arbeit bedeutet nicht nur Einkommen, sondern auch Selbstständigkeit, Zugehörigkeit und aktive Beteiligung an der Gesellschaft.
Er weist außerdem darauf hin, dass Geflüchtete, die eine rechtliche Anerkennung oder eine Schutzform erhalten haben, über wichtige Rechte verfügen, die in vielen Bereichen denen deutscher Staatsbürgerinnen und Staatsbürger nahekommen. Dazu gehören unter anderem das Recht auf Arbeit, Berufsausbildung, Studium, Gesundheitsversorgung sowie der Zugang zu sozialen Leistungen. Diese Rechte bildeten zusammen mit den bestehenden Unterstützungsangeboten eine wichtige Grundlage dafür, dass viele Syrerinnen und Syrer in Deutschland eine berufliche, soziale und akademische Zukunft aufbauen konnten.
Trotz dieser Erfolge sieht Ali weiterhin konkrete Herausforderungen.
Eine der wichtigsten Lücken besteht seiner Einschätzung nach in der Vielzahl unterschiedlicher Institutionen und Stellen, die Unterstützungsleistungen anbieten. Für manche Geflüchtete führt diese Vielfalt zu Orientierungslosigkeit: Sie wissen nicht, an welche Stelle sie sich wenden müssen, welche Rechte sie besitzen oder welche Institution tatsächlich zuständig ist.
Ali betont, dass eine große Zahl von Einrichtungen allein nicht ausreicht. Notwendig seien eine bessere Koordination und klarere Orientierung, damit der Weg durch das deutsche Verwaltungssystem für Geflüchtete einfacher und verständlicher wird.
Er erinnert auch an die Erfahrungen der Jahre 2015 und 2016, als die hohe Zahl neu angekommener Menschen zu Verzögerungen bei Asylentscheidungen führte. Viele Geflüchtete konnten zudem verspätet mit Deutschkursen beginnen – entweder aufgrund der Überlastung der Systeme oder weil der Zugang während der laufenden Asylverfahren eingeschränkt und von verfügbaren Plätzen abhängig war.
Nach Ali hatte diese Verzögerung direkte Auswirkungen auf den Integrationsprozess. Denn Sprache sei nicht nur ein Mittel der Kommunikation, sondern der erste Schlüssel zum Verständnis der Gesellschaft, zum Zugang zum Arbeitsmarkt und zum Aufbau sozialer Beziehungen.
Er fügt hinzu, dass die aktuellen Verzögerungen bei einigen Asylverfahren nach den politischen Veränderungen in Syrien ähnliche Probleme erneut verursachen könnten, wenn die Verfahren nicht schnell und transparent bearbeitet werden.
Ein weiterer Bereich, der weiterhin intensive Diskussionen auslöst, betrifft die unterschiedlichen Rechte je nach Schutzstatus.
Nicht alle Syrerinnen und Syrer verfügen über denselben rechtlichen Status. Die Rechte unterscheiden sich zwischen Personen mit politischem Asyl, Flüchtlingsschutz, subsidiärem Schutz oder einem Abschiebungsverbot. Besonders deutlich wird dieser Unterschied beim Thema Familiennachzug.
Ali erklärt, dass Menschen mit subsidiärem Schutz zu den Gruppen gehören, die besonders betroffen waren. Nach früheren Einschränkungen wurde der Familiennachzug erneut begrenzt. Zudem können Personen mit subsidiärem Schutz in vielen Fällen keine Ehepartnerin oder keinen Ehepartner nachholen, wenn die Ehe erst nach ihrer Einreise nach Deutschland geschlossen wurde. Dies habe für zahlreiche Familien erhebliche menschliche und soziale Folgen.
Der Erfolg der Integrationserfahrung hängt nach Ansicht von Ali jedoch nicht allein vom Staat und seinen Institutionen ab. Auch die syrische Gemeinschaft selbst trägt eine ebenso wichtige Verantwortung, denn Integration kann kein einseitiger Prozess sein.
Eine erfolgreiche Integration erfordere eine echte Partnerschaft zwischen Staat und Geflüchteten: Die angebotene Unterstützung müsse mit der Bereitschaft verbunden sein, die deutsche Sprache zu lernen, Gesetze sowie Rechte und Pflichten zu verstehen und sich möglichst früh in Bildung, Ausbildung oder Arbeitsmarkt einzubringen.
Ali sieht Sprache, Bildung, Arbeit und Berufsausbildung nicht nur als Instrumente der Integration, sondern auch als stärkste Grundlage für langfristige rechtliche und soziale Stabilität – selbst wenn sich die Asyl- und Migrationspolitik in Zukunft verändern sollte.
Besonders wichtig sei zudem die Rolle von Beratungs- und Begleitpersonen. Sie tragen die Verantwortung, Geflüchtete über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären und praktische Unterstützung anzubieten, die ihnen den Übergang von der Abhängigkeit von Hilfsleistungen hin zu einem selbstständigen und aktiven Leben in der deutschen Gesellschaft ermöglicht.
Mehr als ein Jahrzehnt nach Beginn der syrischen Erfahrung in Deutschland zeigt sich: Integration ist längst kein zeitlich begrenztes Projekt mehr. Sie ist ein langfristiger Prozess, dessen Erfolg vom Zusammenspiel des Staates, der Institutionen, der Gesellschaft und der Geflüchteten selbst abhängt.
Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur:
Was hat Deutschland den Syrerinnen und Syrern angeboten?
Sondern auch:
Wie ist es den Syrerinnen und Syrern gelungen, die von Deutschland geschaffenen Möglichkeiten in echte Stabilität, gesellschaftliche Teilhabe und eine Zukunft zu verwandeln, die sie selbst gestalten?