
Syrer in Deutschland: Die neue Generation zwischen Wurzeln und neuer Identität (3-5)
Von Khaled Al-Mohammad
Wenn die Reise der ersten syrischen Generation in Deutschland mit der Frage des Überlebens begann, steht die neue Generation vor einer anderen und tiefergehenden Frage:
Wie kann ich meine Identität in einer neuen Gesellschaft entwickeln, ohne den Bezug zu meinen Wurzeln zu verlieren?
Mehr als ein Jahrzehnt nach der Ankunft vieler Syrerinnen und Syrer in Deutschland geht es längst nicht mehr ausschließlich um Flucht, Aufenthalt und Stabilität. Es geht um eine ganze Generation, die zwischen zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei unterschiedlichen Erfahrungen des Weltverständnisses aufgewachsen ist.
Hinter den Zahlen von Schülerinnen und Schülern, Studierenden sowie Tausenden jungen Menschen, die eine Berufsausbildung begonnen haben oder in den Arbeitsmarkt eingetreten sind, steht eine größere menschliche Geschichte: Kinder, deren Bewusstsein in der deutschen Gesellschaft geprägt wurde, und Jugendliche, die versuchen, ihre Zukunft zwischen der Erinnerung an ein Herkunftsland und einer neuen Lebensrealität aufzubauen.
Aus seiner Arbeit mit Geflüchteten, Migrantinnen und Migranten sowie Auszubildenden im dualen Ausbildungssystem heraus betrachtet Bashir Ali, Bildungsberater und Beobachter von Migrations- und Integrationsprozessen, die Situation der neuen syrischen Generation in Deutschland ausgehend von einer wichtigen Unterscheidung zwischen zwei unterschiedlichen Erfahrungen.
Die erste Gruppe bilden diejenigen, die vor ihrem 18. Lebensjahr nach Deutschland gekommen sind und das deutsche Schulsystem durchlaufen haben. Die zweite Gruppe besteht aus Menschen, die erst nach diesem Alter eingewandert sind, nachdem ein größerer Teil ihrer Persönlichkeit bereits innerhalb der syrischen Gesellschaft geprägt worden war.
Das Alter bei der Ankunft in Deutschland wurde damit zu einem entscheidenden Faktor für die Entwicklung von Identität und Zugehörigkeitsgefühl.
Für Kinder und Jugendliche, die in deutsche Schulen eingetreten sind – insbesondere diejenigen, die ihre Bildung bereits in der Grundschule begonnen haben –, wurden Schule, Sprache und das soziale Umfeld zu zentralen Elementen ihres Alltags und ihrer Persönlichkeitsentwicklung.
Die Schule ist dabei nicht nur ein Ort des Lernens. Sie ist der Raum, in dem soziale Beziehungen entstehen, Sprachkompetenzen wachsen und ein großer Teil des Verständnisses für die neue Gesellschaft entwickelt wird.
Bashir Ali weist darauf hin, dass sich der Einfluss dieses Umfelds auch innerhalb mancher syrischer Familien deutlich zeigt. So beobachte er, dass einige Kinder und Jugendliche untereinander zu Hause Deutsch sprechen. Dies verdeutliche die starke Wirkung von Schule, Freundeskreis und sozialem Umfeld auf die Identitätsbildung dieser Generation.
Doch diese Entwicklung führt zu einer grundlegenden Frage:
Bedeutet die Annäherung an die deutsche Gesellschaft den Verlust der Verbindung zu den eigenen Wurzeln?
Nach Ali liegt die eigentliche Herausforderung nicht in der Integration der neuen Generation, sondern darin, zu verhindern, dass Integration zu einem Bruch mit der arabischen Sprache und dem kulturellen Gedächtnis führt.
Eine Generation, die in deutschen Schulen aufgewachsen ist, wird sich naturgemäß stärker mit der Gesellschaft identifizieren, in der sie lebt. Das sei ein normaler Prozess. Gleichzeitig bleibe die Verbindung zu den eigenen Wurzeln ein wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Persönlichkeitsentwicklung.
Anders erleben Jugendliche und junge Erwachsene, die erst nach ihrem 18. Lebensjahr nach Deutschland gekommen sind, ihre Identität. Ihre Verbindung zur syrischen Herkunft ist häufig stärker ausgeprägt, da ein größerer Teil ihres Lebens innerhalb der syrischen Gesellschaft geprägt wurde und sie eigene Erinnerungen sowie Erfahrungen mitbringen.
Gleichzeitig stehen sie vor einem anderen Weg beim Aufbau ihrer Zukunft – einem Weg, der über den Erwerb der deutschen Sprache, Bildung, Berufsausbildung und Arbeit führt.
Diese Schritte bieten ihnen nicht nur berufliche und wirtschaftliche Möglichkeiten. Sie helfen ihnen auch dabei, die neue Gesellschaft besser zu verstehen, ihren eigenen Platz darin zu finden und den Übergang von der Ankunft zur aktiven Teilhabe zu vollziehen.
Ali ist überzeugt, dass eine ausgewogene Identität möglich wird, wenn syrische Herkunft und Integration in Deutschland nicht als Gegensätze dargestellt werden.
Die Verbundenheit mit den eigenen Wurzeln verhindert nicht die Beteiligung an der neuen Gesellschaft. Und Integration bedeutet nicht, die eigene Vergangenheit aufzugeben.
Die Merkmale dieser Generation zeigen sich auch zunehmend in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen.
Bis Ende November 2025 lebten in Deutschland mehr als 305.000 Syrerinnen und Syrer unter 18 Jahren – ohne diejenigen mitzuzählen, die inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben.
Bis Ende August 2025 lag die Zahl syrischer Studierender an deutschen Hochschulen bei rund 21.000 Personen. Hinzu kamen etwa 7.000 Menschen in beruflicher Ausbildung – ebenfalls ohne Einbeziehung der Eingebürgerten.
Diese Zahlen zeigen nicht nur die Größe einer neuen Generation, sondern weisen auch auf ein menschliches Potenzial hin, das künftig ein Teil der deutschen Gesellschaft sein wird.
Doch eine ausgewogene Identität entsteht nicht automatisch. Hier kommen Familie, Schule und gesellschaftliche Institutionen ins Spiel.
Die Familie bleibt der erste Ort, an dem Sprache, kulturelle Erinnerung und Zugehörigkeit weitergegeben werden. Gleichzeitig steht sie vor der Aufgabe, Kindern und Jugendlichen zu helfen, die Gesellschaft, in der sie leben, zu verstehen – nicht sie davon abzuschotten.
Sprache und Herkunft können eine Stärke sein, wenn sie mit Offenheit und der Fähigkeit zur Kommunikation verbunden werden.
Die Schule wiederum hat eine Aufgabe, die über das Vermitteln der deutschen Sprache hinausgeht. Sie ist das erste Tor zur Integration, ein Ort für soziale Beziehungen, den Erwerb von Kompetenzen sowie den Zugang zu Bildung, Ausbildung und Arbeit. Gleichzeitig ist es wichtig, die kulturellen Hintergründe der Schülerinnen und Schüler zu respektieren und nicht als Hindernis zu betrachten.
Auch Institutionen – sowohl deutsche als auch syrische oder arabische – spielen eine wichtige Rolle. Sie können durch pädagogische und berufliche Beratung sowie durch sichere Räume für junge Menschen dazu beitragen, dass diese ihre Identität verstehen, eigene Entscheidungen treffen und ihre Zukunft selbstbewusst gestalten können.
Nach Jahren der Migration lautet die zentrale Frage nicht mehr nur:
Wie sind die Syrerinnen und Syrer nach Deutschland gekommen?
Sondern:
Wie wird sich der neue syrische Mensch in Deutschland entwickeln?
Diese Generation könnte die erste große syrische Generation sein, die seit ihrer Kindheit außerhalb Syriens aufwächst. Sie trägt die Chance in sich, das Leben zwischen zwei Kulturen nicht als Spaltung, sondern als Stärke zu erfahren.
Am Ende wird die Zukunft dieser Erfahrung nicht allein durch Gesetze bestimmt werden. Entscheidend wird vielmehr sein, ob Familien, Schulen und Institutionen eine Generation unterstützen können, die in zwei Welten verwurzelt ist, ohne sich zwischen ihnen zerrissen zu fühlen.