Syrer in Deutschland (5/5): Vom Hilfesuchenden zum Mitgestalter – wie syrische Erfahrungen zur gesellschaftlichen Kraft werden

0 13

Von Khaled Al-Mohammed

(Redakteur für Menschenrechtsfragen und Europa-Korrespondent der Zeitung Ninar Press)

Die Geschichte der Syrerinnen und Syrer in Deutschland ist heute längst nicht mehr nur eine Geschichte der Ankunft. Sie handelt auch nicht mehr allein vom Warten auf eine Asylentscheidung oder von der Suche nach einem sicheren Zuhause nach Jahren der Angst.

Mehr als ein Jahrzehnt nach Beginn der großen Fluchtbewegung ist die syrische Gemeinschaft in Deutschland in eine neue und komplexere Phase eingetreten: Es geht um die Entwicklung einer eigenen gesellschaftlichen Rolle, um die Frage nach dem eigenen Platz in Deutschland und darum, die Erfahrung der Flucht von einer vorübergehenden humanitären Situation in einen langfristigen sozialen und gesellschaftlichen Beitrag zu verwandeln.

Hinter diesem Wandel stehen Tausende individuelle Geschichten. Einige von ihnen machen jedoch eine größere Entwicklung sichtbar. Eine davon ist die Geschichte von Bashir Ali, der von der Humangeografie – einem Fachgebiet, das sich mit dem Verhältnis von Mensch, Raum, Migration und Gesellschaft beschäftigt – zur täglichen Arbeit an der Schnittstelle von Flucht und Integration in Deutschland gelangte.

Migration ist für ihn deshalb längst nicht mehr nur ein akademisches Thema. Sie ist zu einer Realität geworden, die er gemeinsam mit Tausenden Menschen erlebt, die den Übergang von einer Gesellschaft in eine andere bewältigen mussten – und damit auch den Wechsel von einem rechtlichen und sozialen System in ein neues, das Verständnis, Geduld und Anpassungsfähigkeit verlangt.

Bashir Ali beschreibt die ersten Jahre nach der Ankunft der Syrerinnen und Syrer in Deutschland als eine völlig andere Phase. Damals standen vor allem grundlegende Fragen im Mittelpunkt:

Wie funktioniert das neue System? Wie erhalten wir Schutz? Wie gehen wir mit Behörden und Institutionen um? Und wie beginnen wir ein Leben von Grund auf neu?

Die Herausforderung bestand damals nicht nur in der Sprache oder in rechtlichen Verfahren. Vielen Geflüchteten fehlte auch das Wissen über die alltäglichen Strukturen des Lebens in Deutschland. Sie kannten die Zuständigkeiten der verschiedenen Institutionen nicht, wussten wenig über ihre Rechte und Pflichten, über den Umgang mit Behörden oder über die Möglichkeiten von Studium, Ausbildung und Arbeit.

In dieser Situation gewannen individuelle und gesellschaftliche Initiativen an Bedeutung. Dazu gehörte auch die intensive Nutzung sozialer Medien durch Syrerinnen und Syrer. Digitale Plattformen entwickelten sich zu wichtigen Räumen für den Austausch von Informationen und Erfahrungen und halfen neu angekommenen Menschen, die ersten Herausforderungen in einer völlig neuen Umgebung zu bewältigen.

Doch mit den Jahren veränderte sich die Erfahrung.

Heute besteht die zentrale Herausforderung nicht mehr darin, überhaupt an erste Informationen zu gelangen. Sie liegt vielmehr auf einer tieferen Ebene:

Wie wird aus einem Menschen, der Unterstützung erhält, jemand, der aktiv an der Gesellschaft teilnimmt? Wie gelingt der Übergang von Abhängigkeit zu Selbstständigkeit? Und wie lässt sich eine stabile berufliche und gesellschaftliche Position aufbauen?

Aus seiner Arbeit mit deutschen Institutionen und der Begleitung Tausender Fälle kommt Bashir Ali zu dem Schluss, dass echte Integration nicht allein durch einen gesicherten Aufenthaltsstatus oder das Erlernen der deutschen Sprache erreicht wird. Entscheidend sei auch, die Funktionsweise der deutschen Gesellschaft und ihrer Institutionen zu verstehen.

Deutschland verfüge über eine breite institutionelle Infrastruktur zur Unterstützung von Geflüchteten – von Sprach- und Integrationskursen über Beratungsstellen und Programme zur beruflichen Qualifizierung bis hin zur Unterstützung bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse und Qualifikationen.

Die Herausforderung liege jedoch mitunter gerade in der Vielzahl der zuständigen Stellen. Für manche Geflüchtete könne es schwierig sein, sich zwischen den unterschiedlichen Institutionen und Angeboten zurechtzufinden.

Das Problem sei deshalb nicht immer das Fehlen von Unterstützung, sondern die Schwierigkeit, die richtige Unterstützung auf dem richtigen Weg zu erreichen.

Hier kommt den Menschen, die in Beratung und Begleitung tätig sind, eine besondere Bedeutung zu. Sie vermitteln nicht lediglich Informationen. Sie helfen Menschen vielmehr dabei, den eigenen Weg innerhalb eines neuen Systems zu verstehen und selbstständig zu bewältigen.

Von der Integration zur gesellschaftlichen Rolle

Nach Ansicht von Bashir Ali muss sich auch die Perspektive auf die syrische Gemeinschaft in Deutschland verändern.

Syrerinnen und Syrer seien längst nicht mehr nur eine Gruppe, die Unterstützung bei der Integration benötige. Unter ihnen gebe es inzwischen Ärzte, Ingenieure, Handwerker, Studierende, Wissenschaftler und Unternehmer.

Diese Menschen könnten zu einer wichtigen menschlichen Ressource für die deutsche Gesellschaft werden – und zugleich eine Verbindung zur zukünftigen Entwicklung Syriens schaffen.

Doch eine solche Rolle entsteht nicht automatisch.

Sie braucht Organisation.

Die vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen der syrischen Diaspora können nicht allein durch individuelle Initiativen in nachhaltigen gesellschaftlichen Einfluss verwandelt werden. Dafür braucht es Netzwerke, Institutionen und langfristige Projekte, die syrische Fachkräfte und ihre Kompetenzen mit den Gesellschaften verbinden, in denen sie leben.

Eine neue Generation zwischen zwei Welten

Besondere Bedeutung kommt dabei der jüngeren Generation zu, die in Deutschland geboren wurde oder hier aufgewachsen ist.

Diese Generation bewegt sich zwischen zwei Welten: ihren syrischen Wurzeln und ihrer deutschen Lebensrealität.

Die zentrale Herausforderung besteht dabei nicht darin, sich für eine der beiden Seiten entscheiden zu müssen. Vielmehr geht es darum, eine eigene Identität zu entwickeln, die kulturelle Verbundenheit und gesellschaftliche Teilhabe miteinander verbindet.

Bashir Ali betont, dass Familie, Schule und Institutionen dabei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Aufgaben übernehmen.

Die Familie bewahrt Sprache, Erinnerung und kulturelle Zugehörigkeit. Die Schule eröffnet den Zugang zu Bildung, Gesellschaft und später zum Arbeitsleben. Institutionen wiederum bieten Orientierung, Beratung und Unterstützung.

Die Zukunft wird jedoch, so seine Einschätzung, nicht allein durch die Bewahrung der eigenen Identität gestaltet.

Entscheidend sind vielmehr die Instrumente gesellschaftlicher Teilhabe: Sprache, Bildung, Ausbildung, Arbeit und Wissen über die geltenden Regeln und Gesetze.

Zwischen praktischer Erfahrung und wissenschaftlicher Forschung

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch Bashir Alis akademisches Projekt besondere Bedeutung.

Unter dem Titel „Geflüchtete in Deutschland: Vorstellungen und Zukunftspläne syrischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland“ versucht er, praktische Erfahrungen mit wissenschaftlicher Forschung zu verbinden – und individuelle Geschichten mit einem umfassenderen gesellschaftlichen Bild.

Migration, so die dahinterstehende Perspektive, besteht nicht nur aus Zahlen und Statistiken.

Migration bedeutet menschliche Erfahrungen, Entscheidungen und Lebenswege, die wiederum die Zukunft von Gesellschaften prägen.

Vom Überleben zur Gestaltung

Mehr als zehn Jahre nach Beginn der großen Fluchtbewegung lautet die entscheidende Frage deshalb nicht mehr:

Können Syrerinnen und Syrer in Deutschland bleiben?

Die Frage hat sich verändert:

Welche Form wird ihre Präsenz in Deutschland annehmen?

Und wird sich die syrische Gemeinschaft, die einst vor Krieg und Unsicherheit floh und in Deutschland Schutz suchte, zu einer Wissens- und Fachkräftegemeinschaft entwickeln, die in der Lage ist, Brücken zwischen Deutschland und Syrien zu bauen?

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die syrische Fluchterfahrung in Deutschland vor allem eine Geschichte des Überlebens bleibt – oder ob daraus eine Geschichte der Teilhabe, des gesellschaftlichen Einflusses und der gemeinsamen Zukunftsgestaltung entsteht.

Denn nach dem Aufbau eines neuen Lebens beginnt die nächste Herausforderung:

die Entwicklung einer eigenen gesellschaftlichen Rolle.

رد

لن يتم نشر عنوان بريدك الالكتروني